Interview mit dem Gründungspräsi

Jens "Schrat" Schrader anno 2016

Jens Schrader 2016

Ein Gespräch mit Jens “Schrat” Schrader!

Jens Schrader, Jahrgang 1964, ist Gründungsmitglied des Funatics e.V.. Er war zudem Gründungspräsident und blieb es für gut 10 Jahre. Von 2009 bis 2013 gehörte er als Discgolf-Vorstand zum erweiterten Vorstand des DFV. Er wohnt in Baden-Baden und hat dort 2009 zusammen mit Freunden einen weiteren Verein, den Disc Golf Club Baden-Baden, gegründet.

Woher kanntet Ihr Euch?
Wir kannten uns aus der Schule und waren damals schon lange ein „Frisbeeteam“, auch schon vor 1986. Und die Vereinsgründung war praktisch nur, weil wir ein Gelände brauchten, wo wir offiziell spielen konnten. Wir haben vorher immer auf Parkplätzen gespielt. Wir haben gerne Aufsetzer gemacht und da waren die Scheiben immer schnell zerfetzt. Damals gab es aber noch nicht so viele, die waren richtig schwer zu bekommen. Und die Scheiben waren dann so zerfetzt, dass wir uns die Hände daran aufgerissen haben. Wir haben bis zum völligen Abwinken gespielt, teilweise 10 Stunden am Tag.

Habt Ihr dann Ultimate gespielt oder Euch die Scheibe einfach nur zugeworfen?
Wir haben 5 Jahre nur hin- und her geworfen auf Parkplätzen und im Freibad, auch schon so ein bißchen Freestyle, autodidaktisch. Und dann gab’s irgendwann mal eine Beilage, als wir eine Scheibe bei Karstadt gekauft haben, die war vom DFFV. Da war erklärt, dass man auch eine Mannschaftsportart machen kann. Dann haben wir da angerufen und gesagt, dass wir Interesse haben. Es kam dann tatsächlich jemand vorbei und hat uns das so ein bisschen erklärt.

Jens beim Freestyle 1989

Jens beim Freestyle 1989

Und dann habt Ihr mit Ultimate angefangen?
Es gab damals noch nicht so viele Vereine und wir waren in dem Sinne ja keine „Sportler“. Wir hatten einen Heidenrespekt. Wir erfuhren, dass es in Osloss (zwischen Gifhorn und Wolfsburg) auch ein paar Leute gab, die in einem ähnlichen Stadium wie wir waren, und mit denen haben wir uns verabredet. Wir hatten einen Riesenrespekt und deshalb vorher richtig hart trainiert,
weil wir dachten, dass da bestimmt ganz tolle Sportler kommen – tja, und dann haben wir das Spiel 15:0 gewonnen… Wir waren von der Technik her halt viel besser. Wir konnten mit der Scheibe
sehr gut umgehen – das war eigenlich immer unser Vorteil – mit der Scheibe waren Wir super. Wir konnten halt nie laufen… (lacht)
Wir mussten damals eine oder eineinhalb Stunden durchspielen, weil wir ja nicht so viele Auswechsler hatten. Heute bräuchte ich nach drei Minuten Sauerstoffzelt und Reha-Abteilung. Aber wir waren damals total scheibenverrückt. Wenn wir von Hallenturnieren zurückgekommen sind, dann waren Ellbogen und Knie großflächig abgeschabt.

Die Legende geht, dass das damals alles Verrückte waren. Was hat die Typen so verrückt gemacht?
Das lässt sich schwer sagen. Zu der Zeit waren alle extrem motiviert, es war eben ein großer Freundeskreis. Wir kannten uns schon alle vorher und haben alle unsere Freunde mit reingeholt. So war es dann auch: Nach dem Training sind wir zu irgendeinem gegangen und haben dann Party gemacht.

1989 auch dynamisch beim Ultimate

1989 auch dynamisch beim Ultimate

Ihr wart ja wohl auch ein chaotischer Haufen. Umso interessanter das mit der Vereinsgründung. Das hat so was „organisiert-konservatives“!
Das mussten wir ja machen, sonst hätten wir nie ein Spielfeld gekriegt, auf dem wir auch Ultimate spielen können. Auf dem Parkplatz war das nicht möglich. Wir haben den Verein in Barsinghausen-Egestorf gegründet und die Stadt war dann verpflichtet, uns Gelände und Hallenzeiten zur Verfügung zu stellen.

Und wie sah das Vereinsleben aus?
Es gab ein wöchentliches Training, meist am Wochenende, ein Ganztagesprogramm. Das ging am späten Vormittag los und endete mit Party nachts irgendwann.

Was waren Eure ersten Ausflüge/Turniere, wo seid Ihr hin?
Wie gesagt: das erste Mal haben wir Osloss eingeladen und 15:0 gewonnen. Danach sind wir auf unser erstes Turnier gefahren… nach Hamburg, Wolfenbüttel, Braunschweig…? Ich erinnere es nicht mehr genau, aber ich weiß noch daß wir da natürlich überhaupt nicht mithalten konnten. Trotzdem haben wir dann relativ schnell ein Turnier in Barsinghausen gemacht. Ein Quali-Turnier der damaligen Liga Nord für die DM. Das war ein großes Event mit richtig Orga-Aufwand und richtig guten Teams… die Seagulls Hamburg oder die Essener. Wir sind zu absoluter Hochform aufgelaufen. Gegen Essen haben wir sogar 4:0 geführt und die waren damals deutscher Meister! Sie haben drei Reihen gehabt, die sie ständig ausgewechselt haben… und wir sind wie die Irren
gelaufen… klar haben wir das nur vier Punkte durchgehalten – dann hat die Kondition nicht mehr gereicht. Aber die ersten vier Punkte haben die keine Sonne gesehen und sind schon richtig nervös geworden (lacht)… Wir konnten damals richtig gut spielen – aber eben nicht lange.

"Sackel" mit besagter Luftmatratzen-Hose

“Sackel” mit besagter Luftmatratzen-Hose

Die Funatics hatten damals seltsame Eigenarten…
Ja, der Marc hatte immer eine Blindenbinde mit drei Punkten um den Arm. Und Sackel hat sich mal, weil er keine vernünftigen Klamotten hatte, von einer Schneiderin eine Hose aus Luftmatratzenstoff nähen lassen. Sehr robust das Ding, aber er meinte, sie hätte etwas atmungsaktiver sein können (lacht).

Es gab damals eine „Hirtenmütze“, die musste immer der tragen, der etwas unglaublich Blödes gemacht hat. Woher kam’s?
Es gab damals legendäre Verkleidungsparties und einmal kam einer, den keiner kannte in einem Hirtenoutfit. D.h. er hatte sich massenhaft Wattebäuschchen auf seine Kleidung geklebt. Überall… tja, nur hat er sich dann den ganzen Abend über nach und nach aufgelöst und dabei immer mehr von seinem Fell verloren. Um ihn herum hat sich so ein spinnartiges Gewebe ausgebreitet. Überall hat man das Zeug gefunden. Das wurde dann zum Synonym für jemanden, der saublöde Ideen hat: „Du bist ein Hirte!“

Was hat es mit der „Fast ab“-Taktik auf sich, die Ihr erfunden habt?
Das war bei der DM in Osloss. Die waren damals im Prinzip ja genauso blind wie wir, haben aber die Deutschen Meisterschaften gemacht. Gespielt wurde in 2 Pools a 10 Mannschaften. Wir waren im Pool B, das waren die etwas Schwächeren, und sind da 3. geworden, also insgesamt 13. der DM. Ein unglaublicher Erfolg… das war damals für uns unvorstellbar. Wir konnten es nicht fassen! Leider hat uns die Fast-ab-Taktik bei der DM nicht so sehr geholfen, wir haben sie nur einmal angewendet. Die Taktik geht so: Wenn wir die Scheibe haben, schreit derjenige mit der Scheibe „Fast ab“! Und alle legen sich auf den Boden. Normalerweise hört dann der Marker auf zu zählen, weil er so verwirrt ist. Erstmal guckt das andere Team nur blöd, aber wir zählen alle in
Gedanken weiter, z.B. bis 4 oder 6, wie es verabredet war. Und dann springen Alle bei 6 wie von der Tarantel gestochen auf, Zwei rennen in die Endzone und der, der die Scheibe hat, macht den langen Pass…

Stimmt, das kennt man inzwischen auch von anderen Teams, aber cool,dass Ihr das schon so früh gemacht habt!
Ja, das ist eine super Taktik, ist leider nicht so aufgegangen – wir haben den Punkt leider nicht gemacht. Das war aber dann trotzdem Thema bei einem nachfolgenden Captains Meeting und wurde da irgendwie als „Verletzung des Spirits“ bewertet… wir durften das auf keinen Fall wiederholen!

DM 1988 in Osloss mit "Fast-ab"-Taktik

DM 1988 in Osloss mit “Fast-ab”-Taktik

Ihr wart ein alteingesessener Kreis, aber irgendwann muss es doch mal den Umbruch gegeben haben, denn es ging ja nach Hannover?
Das ging los, als nach und nach Alle irgendwo anders hingezogen sind… beruflich oder der Freundin hinterher oder wie auch immer… Fluktuation eben… Wir konnten in Barsinghausen leider nicht so viele neue Spieler finden wie weggegangen sind. Nun ja, Einige von uns sind wegen des Studiums nach Hannover gezogen und da dachten wir uns eben, dass wir beim Hochschulsport weitermachen und neue Leute finden könnten. Der Verein blieb uns aber wichtig. Deshalb haben wir ihn auch nach Hannover umgezogen und haben zusätzlich noch außerhalb der Hochschule ein Training angeboten. So haben wir‘s gemacht und so kamen mehr Leute dazu: Vom Hochschulsport in den Verein, das war der normale Weg.

Wie war die Mitgliederentwicklung ungefähr?
In Barsinghausen war’s ein Dutzend oder so und in Hannover waren’s relativ schnell 25-30 Leute, davon vielleicht 5 Frauen.

Wie sah’s mit Discgolf aus?
Ich habe damals Scheiben in den USA bestellt und gesehen, dass es außer Ultimate-Scheiben auch noch Andere gibt. Die habe ich probeweise gleich mal mitbestellt. Mit den Scheiben haben sich mein Bruder, Karsten und ich dann in den Hermann-Löns-Park gestellt und versucht die „komischen kleinen Dinger“ zu werfen. Die sind aber immer rechtwinklig nach links geflogen – „was für Mistdinger…“ dachten wir „…die taugen nichts!“ Für fast zwei Jahre haben wir sie dann auch nicht mehr angefasst. Aber irgendwann sind sie meinem Bruder und mir mal wieder in die Hände gefallen und wir haben damit im Deister mal so aus Jux versucht damit einen Waldweg entlang zu spielen – so etwa zwei Kilometer… am Ende flogen die Dinger dann tatsächlich ein bisschen besser und weiter.

Perfektes Outfit für's erste Discgolf-Turnier 1989 in HH

Perfektes Outfit für’s erste Discgolf-Turnier 1989 in HH

Wie seid Ihr drauf gekommen, was mit Overall zu machen?
Der Hartl, Hartmut Wahrmann, hat erzählt, er trainiert gerade Schwebewurf, TRC (Throw-run-and-catch) und Accuracy, weil er an einem Turnier in den USA teilnehmen möchte. Dort wurde er dann sogar Weltmeister… das hat uns schon sehr inspiriert… wir waren vom Ansatz her ja auch eher Allround-Frisbee-Spieler… haben Freestyle, Discgolf und Ultimate gespielt.
In Deutschland gab es aber zu der Zeit schon seit vielen Jahren keine Overall-Turniere mehr. Da haben wir uns gesagt: Wenn das keiner macht in Deutschland, dann machen wir das jetzt. Und haben die Deutsche Meisterschaft ausgerufen und durchgeführt. Drei mal… 91, 92 und 93.

An die Overall-DMs erinnern sich sehr viele in der Szene – das ist interessant.
Ja, es gab ja damals keine Freestyle-Meisterschaft und außer Ultimate und Discgolf in den ganzen anderen Einzelsportarten auch nicht. Und in den einzelnen Disziplinen konnte man dann Deutscher Meister werden und auch Overall-Gesamtsieger. Es gab eine kleine Gemeinde in Deutschland, so 60-70 Leute, die einfach Spaß an diesem Overall hatten. Da sind dann die Top-Freestyler gekommen, die gar nicht so viel Interesse an Discgolf hatten, aber die mussten auch Discgolf mitspielen, und die Weitwerfer und Golfer kamen und mussten die anderen Disziplinen mitmachen – letztendlich hat das Allen super Spaß gemacht! Aber es war ein hoher Organisationaufwand: wir mussten ja erstmal die Gerätschaften besorgen, z.B. ein Accuracy-Tor bauen.

Siegerehrung Overall-DM 1993

Siegerehrung Overall-DM 1993

Wo fand das statt?
Die Erste haben wir, glaube ich, nur im Georgengarten gemacht. Aber einige Disziplinen konnte man da nicht so recht machen. Deshalb haben wir es geteilt in: einen Tag Georgengarten und einen Tag Bundesleistungszentrum am Niedersachsenstadion. Das war dann superklasse, richtig gute Weitwurfverhältnisse.

Da wurde mir auch schon die Anekdote erzählt, dass das Profi-Team von Hannover 96 ankam und Ihr Frisbeespieler habt sie vertrieben und sie mussten von dannen ziehen.
Ja, die durften ja nicht die Deutschen Meisterschaften stören – das hat die damals wohl schon etwas in ihrem Selbstverständnis getroffen… Aber es gab schon wirklich viele kuriose Szenen damals. Z.B. wie einmal Hartl Wahrmann beim „Self caught flight“ im Gebüsch verschwunden ist… …ja, das war grenzwertig… er hatte den Wurf wirklich gut erwischt, die Scheibe war schon sehr lange in der Luft und er immer hinterher… allerdings steuerte die Scheibe unglücklicherweise direkt auf ein riesiges Gebüsch zu… Alle dachte: Schade, wäre ein toller Versuch gewesen… aber was macht Hartl? Er springt der Scheibe hinterher… aus vollem Lauf in den Busch gesprungen… man hat es nur noch krachen gehört… und… er hat die Scheibe gehabt! Das war typisch für damals… wir waren alle total fanatisch – bis zur Selbstaufgabe!

Gründungsmitglieder Sackel und Klein-Schrat (der sogar schon in Funatics-Klamotte) 1988

Gründungsmitglieder Sackel und Klein-Schrat (der sogar schon in Funatics-Klamotte) 1988

Fanatisch – da liegt ja der Vereinsname auf der Hand. Wie kam’s dazu?
Wir haben bei der Gründungsversammlung abgestimmt… ich war damals für was anderes, nämlich „Fanaten“, das war damals der Zweitplatzierte.

Das ist ja nicht mehr weit von „Funaten“ entfernt, was ja schon ewig der Rufname ist.
Ja, den Namen finde ich sehr passend!

Was war das Besondere an den Funaten?
Herausragend war die besondere Hingabe, die wahnsinnige Motivation. Es wurde Alles hinten angestellt… Schmerzen, Zeit… hat Alles keine Rolle gespielt… Ich habe zum Beispiel einmal ein Semester Pause gemacht, um eine Overall-DM vorzubereiten, aber ich war nicht der einzige. Martin Mehring hat das auch gebracht. Das war schon mehr als ein Hobby, das war: Leben, Lebenseinstellung…

Welche unglaublichen Geschichten hast Du noch?
Ich erinnere Vieles, aber naürlich längst nicht mehr Alles. Zum Beispiel sind wir 1989 – gerade in der Zeit der Wende – zu einem Turnier in Berlin gefahren. Da saßen die Mauerspechte schon auf der Mauer. Wir wollten uns nach dem Spieltag mal die DDR anschauen und sind zum Brandenburger Tor gefahren. Da war dann eine lange Schlange vor den VoPos. Und gegen Passkontrolle wurden die Leute reingelassen. Als wir dran kamen zeigte der Volkspolizist auf die Scheibe, die Karsten dabei hatte und meinte, daß wir den „Rotationsflachkörper“ nicht mitnehmen dürften, weil das ja eine Waffe wäre. Wir waren ziemlich baff! Haben dann erstmal vor der Mauer ein bisschen hin- und hergeworfen… Irgendwann hat Karsten dann die Scheibe über die Mauer gepfeffert und wir haben uns wieder angestellt, den VoPo passiert und waren dann in Ost-Berlin… mit Scheibe!

Dieses Interview wurde bereits vor 5 Jahren zum 25jährigen Vereinsjubiläum geführt und anlässlich des 30jährigen leicht überarbeitet.